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Führung braucht keinen Chef

Was eine kleine Szene mit Pferden darüber erzählt, wie Führung entsteht – und wie aus einem Impuls Wirkung wird.

„Luna!“

Ich rufe mein Pferd. Luna hebt den Kopf – und kommt.

So weit, so unspektakulär.

Doch Luna kommt nicht allein. Nach und nach setzen sich auch die anderen Pferde in Bewegung. Erst eines, dann das nächste. Schließlich kommt die ganze Gruppe auf mich zu.

Dabei habe ich nur Luna gerufen.

Warum kommen die anderen mit?

Vielleicht sind sie neugierig. Vielleicht erwarten sie etwas Interessantes. Vielleicht orientieren sie sich einfach daran, dass eines der Pferde plötzlich ein Ziel hat.

Ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß: Luna ist keineswegs die Chefin der Herde. Die anderen folgen ihr also nicht einfach deshalb, weil sie in der Rangordnung ganz oben steht.

Und trotzdem setzt ihre Bewegung etwas in Bewegung.

Führung beginnt nicht im Organigramm

Diese kleine Szene lässt mich über Führung nachdenken.

Wer führt hier eigentlich wen?

Ich habe Luna gerufen. Luna folgt meinem Ruf. Die anderen Pferde reagieren wiederum auf das, was um sie herum geschieht.

Niemand hat Luna den Auftrag gegeben, die anderen mitzubringen. Sie hat ihnen kein Ziel erklärt. Und sie hat schon gar nicht beschlossen, heute einmal die Führung der Herde zu übernehmen. Sie ist einfach losgegangen.

Vielleicht ist das auch in Unternehmen häufiger der Anfang von Führung, als wir denken.

Wir verbinden Führung gern mit Funktion. Da gibt es eine Führungskraft, die eine Richtung vorgibt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter folgen.

Nur funktioniert Bewegung in Organisationen nicht immer entlang des Organigramms.

Da greift jemand eine Idee auf und fängt an. Eine Kollegin stellt die Frage, die alle anderen bisher vermieden haben. Ein Mitarbeiter probiert etwas aus, statt auf die nächste Entscheidung zu warten. Jemand übernimmt Verantwortung, obwohl sie nicht in seiner Stellenbeschreibung steht.

Einer geht los. Und andere werden aufmerksam.

Sie beobachten. Sie fragen nach. Sie schließen sich an. Vielleicht, weil sie die Richtung überzeugt. Vielleicht, weil sie der Person vertrauen. Vielleicht auch nur, weil sie neugierig geworden sind.

Führung braucht dafür keinen Chef.

Und ein Chef führt noch lange nicht allein deshalb, weil er Chef ist.

Ein Impuls setzt etwas in Bewegung

Als Physikerin interessiert mich an der Szene noch eine andere Perspektive.

Am Anfang steht ein Impuls.

Mein Ruf gilt Luna. Nicht der ganzen Gruppe.

Luna nimmt ihn wahr und reagiert. Sie setzt sich in Bewegung. Damit verändert sich die Situation für alle anderen Pferde.

Natürlich ist mein Ruf kein physikalischer Impuls im engeren Sinn und eine Pferdeherde kein mechanisches System. Aber gerade deshalb finde ich das Bild interessant.

Denn auch in der Führung müssen wir nicht immer versuchen, auf alle gleichzeitig einzuwirken.

Wir investieren viel Energie in Veränderungsprogramme. Wir erklären neue Strategien. Entwickeln Kommunikationspläne. Formulieren Erwartungen für ganze Bereiche und Organisationen.

Und manchmal bewegt sich trotzdem erstaunlich wenig. Vielleicht stellen wir dann die falsche Frage.

Nicht:

Wie bekomme ich alle in Bewegung?

Sondern:

Wo muss der erste Impuls ankommen, damit Bewegung entstehen kann?

Das verändert den Blick auf Führung.

Es geht nicht mehr nur darum, selbst möglichst viel Kraft aufzubringen. Es geht darum, den richtigen Ansatzpunkt zu finden.

Wer kann etwas ausprobieren? Wer genießt Vertrauen? Wer kann eine Idee sichtbar machen? Wer kann den ersten Schritt tun? Und wer bringt dadurch vielleicht andere dazu, ebenfalls loszugehen?

Entscheidend ist die Wirkung

Damit komme ich zu dem Punkt, den ich an der Szene mit Luna am spannendsten finde.

Meine Absicht war überschaubar. Ich wollte, dass Luna kommt.

Die Wirkung war größer.

Das lässt sich nicht eins zu eins planen. Ich kann nicht bestimmen, dass die anderen Pferde Luna folgen. Ebenso wenig kann eine Führungskraft vollständig bestimmen, wie ein Impuls in einer Organisation aufgenommen wird.

Aber sie kann beobachten, was er bewirkt. Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Teil von Führung.

Nicht nur senden. Nicht nur entscheiden. Nicht nur erwarten, dass andere tun, was vorgesehen war. Sondern hinschauen:

Was setzt mein Handeln tatsächlich in Bewegung?

Vielleicht folgen Menschen. Vielleicht widersprechen sie. Vielleicht entsteht etwas, das ich gar nicht vorgesehen hatte. Vielleicht passiert auch überhaupt nichts.

Wirkung ist nicht dasselbe wie Absicht.

Wer führt, sollte deshalb nicht nur auf das schauen, was er oder sie hineinzugeben glaubt. Sondern auf das, was im System tatsächlich ankommt und daraus entsteht.

Und Luna?

Sie ist inzwischen bei mir angekommen. Die anderen auch.

Nicht, weil ich sie gerufen habe. Und vermutlich auch nicht, weil Luna beschlossen hat, die Herde zu führen.

Sie ist einfach losgegangen. Was daraus entstanden ist, konnte ich im Moment meines Rufes nicht planen.

Vielleicht ist das eine der interessantesten Seiten von Führung:

Manchmal reicht ein klarer Impuls für einen Menschen – und plötzlich bewegt sich ein ganzes System.

Welchen Impuls setzen Sie heute – und woran erkennen Sie, was er wirklich bewirkt?

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